Was sind Senkungsbeschwerden?
Bei Senkungsbeschwerden – medizinisch Descensus genitalis oder Beckenorganprolaps – verlieren die Haltestrukturen des Beckenbodens teilweise ihre Stabilität. Muskeln, Bänder und Bindegewebe, die Blase, Gebärmutter, Scheide und Darm in ihrer Position halten, können sich lockern. Die betroffenen Organe verlagern sich dann nach unten – in Richtung Scheidenöffnung oder, in ausgeprägten Fällen, über sie hinaus.
Je nachdem, welche Struktur betroffen ist, unterscheidet man Zystozele (Blasensenkung), Uterusprolaps (Gebärmuttersenkung), Rektozele (Darmwandsenkung) und Vaginalwandprolaps. Der Schweregrad reicht von minimalen, kaum spürbaren Veränderungen bis hin zu ausgeprägten Senkungen, die den Alltag erheblich einschränken.
Welche Symptome können auftreten?
Die Symptome sind vielfältig und hängen davon ab, welche Strukturen betroffen sind. Typisch sind ein Druckgefühl nach unten im Becken, das sich im Tagesverlauf – besonders nach längerem Stehen – verstärkt. Viele Frauen beschreiben ein Fremdkörpergefühl in der Scheide, manchmal als das Gefühl, auf etwas zu sitzen.
Wenn die Blase betroffen ist, entstehen Blasenbeschwerden: häufiger Harndrang, das Gefühl unvollständiger Blasenentleerung, erschwertes Wasserlassen oder Urinverlust beim Husten und Niesen. Eine Rektozele kann das Stuhlabsetzen erschweren. Beim Gehen, Sport oder Heben schwerer Gegenstände nehmen viele Beschwerden zu.
Welche Ursachen gibt es?
Schwangerschaften
Der Beckenboden trägt über Monate das wachsende Gewicht von Kind, Fruchtwasser und Plazenta. Das Schwangerschaftshormon Relaxin lockert Bänder und Bindegewebe und vermindert vorübergehend die Stabilität der Haltestrukturen.
Geburten
Vaginale Geburten – insbesondere langwierige Geburtsverläufe, große Kinder, Zangen- oder Saugglockenentbindungen sowie Dammrisse – können Beckenbodenmuskulatur, Bänder und Nerven dauerhaft beeinflussen. Mehr zur Beckenbodenschwäche nach Geburt →
Wechseljahre
Östrogen trägt zur Stabilität von Bindegewebe und Bändern bei. Mit sinkendem Östrogenspiegel verlieren diese Strukturen an Qualität. Eine bislang unauffällige Beckenbodenschwäche kann sich zu einer spürbaren Senkung entwickeln. Mehr zu Blasenschwäche in den Wechseljahren →
Alterungsprozesse
Muskelkraft und Bindegewebsqualität nehmen im Alter physiologisch ab. Ohne gezieltes Training verliert die Beckenbodenmuskulatur an Volumen und Funktion.
Chronischer Husten
Jeder Hustenstoß erzeugt einen kurzen, kräftigen Druckanstieg im Bauchraum. Chronischer Husten – durch Rauchen, COPD oder Atemwegserkrankungen – belastet den Halteapparat dauerhaft.
Übergewicht
Ein erhöhtes Körpergewicht bedeutet kontinuierliche Mehrbelastung für Beckenboden und Haltestrukturen. Adipositas ist ein bekannter Risikofaktor für Senkungsbeschwerden.
Bindegewebsschwäche
Eine anlagebedingte Bindegewebsschwäche – die sich oft auch durch Krampfadern oder Hernien zeigt – erhöht das Risiko für einen Beckenorganprolaps.
Wie zeigen sich Senkungsbeschwerden im Alltag?
Viele Frauen beschreiben, dass die Beschwerden morgens kaum vorhanden sind und im Laufe des Tages – nach längerem Stehen, Gehen oder körperlicher Aktivität – zunehmen. Abends, wenn die Schwerkraft lange gewirkt hat, ist das Druckgefühl am stärksten. Im Liegen lassen die Beschwerden meist nach.
Längeres Stehen wird unangenehm, Spaziergänge werden kürzer, Sport eingeschränkt. Das Heben schwerer Gegenstände wird mit Unbehagen verbunden. Husten und Niesen werden als unangenehm oder mit Urinverlust verbunden erlebt.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Eine gynäkologische Abklärung ist sinnvoll bei:
- Anhaltendem Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide
- Sichtbaren oder tastbaren Vorwölbungen am Scheideneingang
- Zunehmenden Beschwerden im Tagesverlauf
- Erschwerter oder unvollständiger Blasenentleerung
- Wiederkehrenden Harnwegsinfekten
- Schmerzen im Becken oder beim Geschlechtsverkehr
- Schwierigkeiten beim Stuhlabsetzen
Wie erfolgt die Diagnostik?
Anamnese
Ausführliches Gespräch über Beschwerden, Geburtsverläufe, Begleiterkrankungen und den Einfluss auf den Alltag.
Gynäkologische Untersuchung
Beurteilung von Art und Ausmaß der Senkung, ggf. unter Pressen oder Husten. Klassifikation des Schweregrads.
Ultraschall
Beurteilung von Blase, Nieren und Restharn. Darstellung der Beckenbodenstrukturen bei translabialem Ultraschall.
Weitere Diagnostik
Urinuntersuchung, urodynamische Messung, MRT-Becken oder weiterführende fachärztliche Diagnostik bei Bedarf.
Welche Rolle spielt der Beckenboden?
Der Beckenboden ist ein wesentlicher Teil des Halteapparates der Beckenorgane. Eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur kann die Bänder und Bindegewebsstrukturen nicht ausreichend unterstützen – die Last wird ungleichmäßig verteilt, und Senkungstendenzen werden begünstigt.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Beckenbodentraining
Gezieltes Anspannen und Entspannen stärkt die muskuläre Stützkomponente des Halteapparats. Bei leichten Senkungen ist Training die erste konservative Maßnahme. Beckenbodentraining oder Emsella – Vergleich →
Physiotherapie
Spezialisierte Beckenbodenphysiotherapie stellt die korrekte Muskelaktivierung sicher und entwickelt ein individuell angepasstes Programm. Eine der wirksamsten konservativen Maßnahmen.
Pessartherapie
Ein Pessar ist ein Silikonhilfsmittel, das in die Scheide eingeführt wird und die abgesenkten Strukturen mechanisch stützt. Eine bewährte, nicht-operative Option.
Gewichtsreduktion
Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion den chronischen Druck auf den Beckenboden verringern und Senkungsbeschwerden positiv beeinflussen.
Operative Verfahren
Bei ausgeprägten Senkungen, bei denen konservative Maßnahmen nicht ausreichen, können operative Eingriffe sinnvoll sein. Die Auswahl erfolgt individuell durch eine auf Beckenbodenchirurgie spezialisierte Gynäkologin.
Moderne elektromagnetische Beckenbodenstimulation
Die Emsella-Therapie aktiviert die Beckenbodenmuskulatur durch HIFEM-Impulse – vollständig bekleidet, ohne Operation. Sie ist eine ergänzende konservative Maßnahme und kein Ersatz für die gynäkologische Behandlung einer ausgeprägten Senkung.
Kann Emsella bei Senkungsbeschwerden sinnvoll sein?
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Dr. Thorsten Schmidt
Facharzt für Allgemeinmedizin · Hausarzt Schwandorf
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Zuletzt medizinisch geprüft: Juni 2026
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